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Mehr über uns erfahren2. Juni 2026
Die Gespräche, die ich mit Retail-Entscheidern seit Monaten führe, ähneln sich: Es geht um Agentic Commerce, KI-Agenten, Produktdatenstrategien. Die Themen sind verstanden. Die Dringlichkeit ebenso. Und trotzdem passiert zu wenig.
Das liegt nicht an mangelndem Interesse. Es liegt an einer strukturellen Schwäche, die ich in vielen Unternehmen immer wieder beobachte: die Unfähigkeit, eine klare strategische Entscheidung zu treffen, wenn die Antwort noch nicht eindeutig auf dem Tisch liegt.
Was viele Unternehmen aktuell lähmt, ist nicht fehlendes Wissen. Es ist fehlende Klarheit über Zuständigkeiten.
Anstatt eine strategische Position zu beziehen, werden viele kleine Use Cases ausprobiert. Ein Pilot hier, ein Vendor-Gespräch dort, ein Workshop im nächsten Quartal. Jeder dieser Schritte ist für sich genommen sinnvoll. Zusammengenommen ergibt sich daraus aber keine Strategie, sondern Aktivität. Und Aktivität ohne Richtung ist Verbrennen von Budget und Zeit.
McKinsey schätzt, dass KI-Agenten bis 2030 weltweit 3 bis 5 Billionen Dollar an Handelsumsatz beeinflussen werden. Die Verschiebung ist keine ferne Prognose – sie läuft bereits. Es lohnt sich, kurz aus der deutschen Perspektive auszusteigen. Vier Märkte (und ein Sonderfall) machen deutlich, wie Agentic Commerce global Fahrt und Geschwindigkeit aufnimmt:
Die offenen KI-Kaufprotokolle ACP (Agentic Commerce Protocol) und UCP (Universal Commerce Protocol) sind seit September 2025 beziehungsweise seit Januar 2026 live. Walmart hat sowohl die ChatGPT- als auch die Gemini-Integration vollzogen. 20 Prozent ihres Referral-Traffics kommen inzwischen aus ChatGPT. Kroger lässt KI komplette Wocheneinkäufe inklusive Rezeptvorschlägen kuratieren. Die Einzelhandelsketten Target, Sephora, Nordstrom, Best Buy sind ebenfalls integriert.
John Lewis hat im März 2026 angekündigt, eine der ersten britischen Einzelhandelsketten zu werden, die KI-gestütztes Shopping vollständig adoptieren – unterlegt mit einer signifikanten Investition als Teil eines 800-Millionen-Pfund-Transformationsprogramms. Tesco und Sainsbury’s berichten von über 200 produktiven KI-Use-Cases, mehrere davon in Richtung Agentic Commerce. 88 Prozent der britischen Retail-Entscheider erkunden aktiv KI-Agenten, ein Drittel ist bereits in der Implementierungsphase.
Hier zeigt sich das Bild eines Marktes, der strukturell weiter ist als der deutsche – nicht nur in der Adoption, sondern in der Infrastruktur. Klarna ist Mitentwickler der Payment-Protokolle für agentengestützte Käufe. Stockmann verarbeitet über 2.000 Checkout-API-Aufrufe pro Minute in Spitzenzeiten. Elkjøp (Elgiganten) berichtet, dass während Black Friday 2025 sieben von zehn Produktempfehlungen in großen Kategorien auf eigene Unternehmen entfielen – das Ergebnis konsequenter Marketplace- und Datenstrategie.
Die Lehre aus den Nordics ist eindeutig: Wer früh in API-Reife und Datenhygiene investiert, hat im Agentic-Commerce-Zeitalter einen strukturellen Vorteil, der mit Geld allein schwer aufzuholen ist.
Die Bewegung ist hier am stärksten. 29 Prozent der asiatisch-pazifischen Konsumgüterunternehmen setzen heute Agentic AI ein – mit erwartetem Anstieg auf 76 Prozent innerhalb der nächsten Jahre. Knapp drei Viertel der Konsumenten in der Region nutzen bereits KI zum Entdecken, Vergleichen und Lernen über Produkte. Südkorea und China gelten als die global reifsten E-Commerce-Märkte. Japan ist Vorreiter bei KI-gestützten Filialformaten: Lawson Go gibt es seit 2022, die Integration mit Computer Vision und Machine Learning hat 2025 die nächste Stufe erreicht.
Benelux ist interessant, weil die Ausgangslage der deutschen ähnelt. Die strategische Antwort ist aber eine andere: Bol.com (Ahold Delhaize) hat ein hochentwickeltes Empfehlungssystem, das laut Schätzung rund 35 Prozent der Sales generiert. Eine offizielle Integration in ACP oder UCP gibt es noch nicht, aber der US-Arm von Ahold Delhaize baut mit der AD Retail Media-Plattform Edge seit Januar 2026 die Dateninfrastruktur auf, die Voraussetzung für die nächste Stufe ist. Belgien ist strukturell ein grenzüberschreitender E-Commerce-Markt. Hier geht ein Drittel der Käufe an ausländische Shops.
Die Implikation: Wer im deutschsprachigen Raum nicht agent-ready ist, verliert nicht nur an heimischen Wettbewerber, sondern auch an Nachbarmärkte mit besserer Infrastruktur.
Was die beschriebenen Märkte gemeinsam haben: Sie haben aufgehört zu fragen, ob sie handeln sollten. Sie fragen nur noch wie.
In den Gesprächen mit Entscheidern aus dem deutschsprachigen Retail sehe ich hingegen vier Muster immer wieder:
Wir bei valantic gehen davon aus, dass sich der Anteil agentengesteuerter Käufe im deutschen Lebensmittel- und CPG-Markt in den nächsten zehn Jahren in Wellen entwickelt. Die folgende Schätzung basiert auf historischen Adoptionskurven (E-Commerce, Mobile Payment, Voice Commerce) und der aktuellen Geschwindigkeit der Protokollentwicklung. Die Zahlen sind als Orientierung zu verstehen, nicht als validierte Prognose. Denn entscheidend ist die Richtung:
Selbst im konservativsten Szenario verschiebt sich ein signifikanter Anteil des Standardkaufverhaltens in den nächsten Jahren in agentengesteuerte Kanäle. Wer die Infrastrukturentscheidungen jetzt trifft, kann diese Verschiebung mitgestalten. Wer wartet, sieht sie irgendwann von außen.
| Zeitraum | Anteil | Treiber |
|---|---|---|
| Heute (2026) | unter 2 % | Pioniere und Early Adopter; primär außerhalb des deutschen Markts |
| 2027–2028 | 5–10 % | Smartphone-native Agenten (Apple Intelligence), Google Gemini Shopping, urbane Zielgruppen |
| 2029–2030 | 15–25 % | Standardisierte Payment-Integration, gesellschaftliche Gewöhnung, Qualitätssprünge bei Agenten |
| 2030–2035 | 30–45 % | Strukturelle Verlagerung bei Standardkäufen; physischer Store behält Bedeutung bei Erlebnis und Impuls |
Der wichtigste Punkt ist nicht technisch. In den meisten deutschen Unternehmen weiß niemand genau, wer für Agentic Commerce verantwortlich ist. Das Thema liegt zwischen Marketing, E-Commerce, IT und Produktmanagement – und damit nirgendwo.
Solange Agentic Commerce zwischen den Abteilungen schwebt, wird es nicht entschieden. Es entstehen nur Workshops.
Was es braucht, ist eine klare Zuordnung an eine Person, die hoch genug aufgehängt ist, um Ressourcen zu mobilisieren. Mit Entscheidungsspielraum, Budget und der ausdrücklichen Erlaubnis zur Exploration. Ohne diese Konstruktion entsteht keine Strategie.
Die Unternehmen, die heute Tempo machen, haben nicht das beste Tech-Verständnis. Sie haben die klarste Organisation.
Die Zeitangabe ist nicht willkürlich. Sie ergibt sich aus drei zusammenfallenden Entwicklungen:
Aus meinen Beobachtungen und Gesprächen kann ich drei Schritte schlussfolgern, die Retail-Entscheider jetzt angehen und umsetzen sollten:
Die nächsten 18 Monate entscheiden nicht alles. Aber sie entscheiden, mit welcher Ausgangsposition Unternehmen in die nächste Phase gehen. Wer sich jetzt bewegt, baut Optionen auf. Wer steht, verliert sie. So einfach – und so unbequem – ist es.
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