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Mehr über uns erfahren16. Juli 2026
Wenn ich Retail-Verantwortliche nach ihrem Personalisierungsansatz frage, bekomme ich meist eine sehr detaillierte Antwort: welche Customer Data Platform im Einsatz ist, wie viele Segmente definiert sind, welche Journeys automatisiert laufen. Was ich selten erfahre, ist, ob sich das aus Kundensicht auch persönlich anfühlt.
Die meisten Retailer haben zwar personalisierte Angebote, werden damit aber als unpersönlich wahrgenommen.
Das liegt an einem kleinen, elementaren Unterschied: Personalisierung ist im Kern eine technische Leistung. Der Eindruck von persönlicher Kommunikation entsteht hingegen, wenn ein Angebot für den Kunden oder die Kundin wirklich relevant ist. Diese Relevanz entscheidet langfristig darüber, ob Käuferinnen und Käufer wiederkommen.
KI verändert gerade beide Seiten: Für Kundinnen und Kunden ist es mittlerweile selbstverständlich, dass Angebote zu ihnen passen. Unternehmen haben jetzt die technischen Mittel, um ein Versprechen einzulösen, das seit gut 20 Jahren im Raum steht: persönliche 1:1 Relevanz, die den Kontext berücksichtigt und auch im großen Maßstab funktioniert. Genau das macht Hyperpersonalisierung aus.
In den letzten zwei Jahren haben sich Kundenerwartungen schneller verändert, als es viele Organisationen wahrhaben wollen. Aus meiner Sicht sind für Händler drei Entwicklungen besonders relevant:
93 Prozent der Konsumentinnen und Konsumenten halten es laut einer Studie von Bloomreach für wichtig, dass die Suche auf E-Commerce-Seiten auch konversationelle Anfragen versteht. Das passt zu einer größeren Entwicklung: Menschen tippen, klicken und navigieren seltener durch Webseiten und Shops. Stattdessen beschreiben sie in eigenen Worten, was sie suchen, und KI leitet daraus die passenden Produkte, Inhalte oder Aktionen ab. Mehr als ein Drittel der Studienbefragten formuliert inzwischen ganze Fragen, etwa: „Was ziehe ich mit 20 zu einer Black-Tie-Hochzeit an?“
Bedeutet: Die bisherige Herangehensweise über feste Kanäle greift nicht mehr. Personalisierung, die weiterhin nur auf E-Mail-Kampagnen und die klassische Journeys ausgerichtet ist, verfehlt die veränderten Gewohnheiten.
Wir sprechen inzwischen täglich mit ChatGPT, Claude und anderen KI-Assistenten. Sie gewöhnen uns daran, wie sich eine persönliche Customer Experience (CX) anfühlt: Ich sage etwas, werde verstanden und sofort mit passenden Inhalten bedient. An diesem neuen Maßstab messen auch Kundinnen und Kunden ihre digitalen Erlebnisse. Laut Zendesk Report glauben bereits 59 Prozent der Konsumentinnen und Konsumenten, dass generative KI (GenAI) in den nächsten zwei Jahren verändern wird, wie sie mit Unternehmen interagieren.
Was persönliche Erfahrungen künftig ausmachen:
Bedeutet: Personalisierung wird zu einer strategischen Grundvoraussetzung. Wer die neuen Erwartungen nicht adressiert, wird irrelevanter. Und wer keine spezifische Relevanz liefert, verliert Vertrauen, das sich nur schwer zurückgewinnen lässt.
Zwischen dem, was Retail-Marken glauben zu liefern, und dem, was Kundinnen und Kunden tatsächlich erleben, klafft eine erhebliche Lücke. Laut einer Studie von Deloitte sind 92 Prozent der Händler überzeugt, personalisierte Erlebnisse zu bieten. Das sehen allerdings nur 48 Prozent der Konsumentinnen und Konsumenten genauso – ein Unterschied von 44 Prozentpunkten.
Bedeutet: Was der Retail als Personalisierung versteht, wird aus Kundensicht oft gar nicht als solche wahrgenommen.
Bei den meisten Retail-Organisationen, mit denen ich spreche, ist Personalisierung bereits technisch aufgesetzt: Recommendation Engines laufen, CDPs sind implementiert, Segmente definiert, Marketing-Automationen im Einsatz. Jetzt kommt KI hinzu – verstärkt aber erstmal genau die Probleme, die schon vorher da waren:
Das Paradoxe daran: Es wird viel investiert, aber selten das Richtige gemessen: Reichweite, Klick- und Öffnungsraten verraten nicht, ob die Initiativen auch Marge, Wiederkaufrate und Customer Lifetime Value (CLV) bewegen.
AI at Scale im Handel: Was 2026 zählt
Von Pilot-Hype zu messbarer Wertschöpfung: Im Whitepaper übersetzen wir die Studienergebnisse aus dem Digital Excellence Outlook von valantic & Handelsblatt Research Institute in konkrete Prioritäten für Retail-Verantwortliche.
Ob Personalisierung von Kundinnen und Kunden als persönlich, relevant und authentisch wahrgenommen wird, hängt aus meiner Sicht von drei Faktoren ab. Sie wirken zusammen, folgen aber einer klaren Reihenfolge:
| Dimension | Was es bedeutet | Was die meisten falsch machen |
|---|---|---|
| 1. Daten-Architektur | Alle Kundendaten kanalübergreifend verbinden: CDP, CRM, Loyalty, POS, DAM und PIM wirken als ganzheitliches System zusammen | Silos bleiben und KI arbeitet mit Datenfragmenten. Ergebnis: schnellere Kampagnen, aber weiterhin viele blinden Flecken |
| 2. Kontext | Nicht nur wissen, wer der Kunde ist, sondern in welcher Situation, mit welcher Absicht, in welchem Moment er agiert | Personalisierung basiert auf statischen Segmenten, der Kontext wird ignoriert oder als „Tagesform“ weggerechnet |
| 3. Content und Kommunikation | KI automatisiert die Erstellung individueller Inhalte und spielt diese in Echtzeit individuell an die richtigen Personen aus | Fehlende Guidelines für Brand Design, Tonalität und Ethik machen die Kommunikation beliebig und Marken austauschbar |
Eine zentrale Datenbasis ist Voraussetzung für Hyperpersonalisierung mit KI. Diese Basis muss kanalübergreifend funktionieren: online wie offline erfasstes Kaufverhalten einbeziehen, Standortdaten berücksichtigen, Loyalty-Informationen aus CDP und CRM zusammenführen und auf einer gemeinsamen Content-Basis in DAM und PIM aufbauen.
Solange Kundendaten fragmentiert vorliegen, kann KI keine 1:1-Relevanz herstellen. Das erklärt, warum Personalisierung als KI Use Case oft trotz Investitionen kaum messbare Wirkung zeigt: Die Modelle mögen gut sein, zeigen aber nur einen Teil der Realität, weil eine solide, vertrauenswürdige Datenbasis fehlt.
Diese Diskrepanz wird auch im Digital Excellence Outlook 2026 von valantic und dem Handelsblatt Research Institute deutlich: Die Mehrheit im Retail erkennt zwar die Bedeutung einer tragfähigen Datengrundlage (73 Prozent), doch nur 58 Prozent haben diese in ihrem Unternehmen ausreichend etabliert.
Zu wissen, wer der Kunde ist, reicht nicht mehr. Viel wichtiger ist die Frage, in welcher Situation er sich gerade befindet: Mit welcher Absicht kommt er? An welchem Punkt der Kaufentscheidung steht er?
Ein Beispiel: Zwei Kundinnen legen den gleichen Artikel in den Warenkorb, brechen den Kauf aber ab. Die eine hat kurz zuvor den Rabattcode-Bereich geöffnet und wieder verlassen: ein klares Signal für Preisbewusstsein. Die andere ist mehrfach zur Größentabelle gewechselt: ein Signal für Unsicherheit bei der Passform. Kontextbasierte Personalisierung reagiert auf diesen Unterschied: Die eine Kundin erhält in der Reminder-Mail einen Rabattcode, die andere eine Passform-Garantie oder den Hinweis auf kostenlose Retouren.
Das Beispiel zeigt: Der Grund für die gleiche Handlung lässt sich nicht aus demografischen Daten ablesen, sondern im Verhalten unmittelbar davor. Wer diesen Kontext in die weitere Kommunikation einbezieht, adressiert zwei unterschiedliche Bedürfnisse und erreicht Menschen in konkreten Momenten.
Genau hier kann KI unterstützen: Echtzeit-Verhaltenssignale, Verweildauer, Session-Muster, Gerätekontext, Wetterdaten, saisonale und situative Auslöser: All das lässt sich zu einem Kontextverständnis verdichten, das Hyperpersonalisierung ermöglicht und statische Segmente niemals abbilden könnten.
Wenn das Kontextverstehen funktioniert, kann KI Angebote, Anzeigen, Videos und Storytelling fast beliebig für kleinste Zielgruppen erstellen und ausspielen. Das reicht bis zu personalisierten Pop-up-Stores für bestimmte Anlässe: Shops, die sich innerhalb von LLMs wie ChatGPT in Echtzeit zusammenbauen.
Doch gerade weil so viel möglich ist, braucht es klare Rahmenbedingungen. Ohne Creative Guidelines und Vorgaben zur Tonalität verwässert die Markenidentität. Die Kommunikation wird beliebig und Personalisierung generisch.
Was ich bei deutschen Unternehmen sehe: Die Erwartungen an effektive, KI-gestützte Personalisierung steigen schneller als die Umsetzungsfähigkeit. Das liegt in erster Linie an strukturellen Mustern in den Organisationen und an typischen Fehlern in der Herangehensweise:
Für viele Retailer ist die Filiale nach wie vor der wichtigste Touchpoint der Customer Journey. Doch was im Digitalen an Grenzen stößt, wird stationär noch greifbarer und in der Umsetzung schwieriger. Denn am physischen Point of Sale (POS) birgt Personalisierung zusätzliche Hürden:
Offline verstärkt sich, was auch online gilt: Erst das Zusammenspiel aus verlässlichen Daten, messbaren KPIs, klaren Prozessen und Verantwortlichkeiten schafft die Basis für personalisierte Angebote, die Kundinnen und Kunden als persönlich erleben.
Aus diesen Beobachtungen leiten sich aus meiner Sicht drei Handlungsempfehlungen ab:
Personalisierung muss als strategische Größe vorangetrieben werden, die IT, Marketing und Sales zusammenbringt. Es braucht eine Verantwortlichkeit, die weit genug oben angesiedelt ist, um cross-funktionale Entscheidungen durchzusetzen. Ohne diese Struktur greifen die drei beschriebenen Dimensionen nicht ineinander, sondern wirken nur punktuell.
Ob Personalisierungsmaßnahmen für das Geschäft und die Organisation wirkungsvoll sind, zeigen Kennzahlen wie die Wiederkaufrate, der Customer Lifetime Value und Deckungsbeitrag pro Kunde. Die Abgrenzung zu klassischen Kampagnen-Metriken ist entscheidend, auch wenn es unbequem sein mag, weil die alten KPIs oft gut aussehen.
Bevor generative KI im großen Stil für Kampagnen und Empfehlungen eingesetzt wird, müssen Creative Guidelines, Prinzipien zur Tonalität und eine Governance-Struktur für die Content-Erstellung definiert werden. Das ist Voraussetzung dafür, dass eine Marke wiedererkennbar und authentisch bleibt.
Die spannende Frage ist nicht, wie viel Hyperpersonalisierung Retail-Marken technisch hinbekommen, sondern wie viel Persönlichkeit sie zeigen. Personalisierung ist implementierbar. Persönlichkeit ist eine Haltung, schafft Vertrauen und Bindung.
Sie beginnt dort, wo eine Kundin oder ein Kunde nicht als Segment behandelt wird, sondern als Mensch in einer konkreten Situation, mit einer klaren Absicht und einer Erwartung an das, was aus der Interaktion entsteht. KI kann dabei helfen, diese Erwartung zu erfüllen. Sie muss aber mit einer klaren Vorstellung davon eingesetzt werden, was am Ende erreicht werden soll.
Wer das ernst nimmt, wird Kundinnen und Kunden nicht nur personalisiert ansprechen, sondern sie auf einer persönlichen Ebene erreichen und als Marke relevant bleiben.
Personalisiert oder schon persönlich: Wo steht Ihre Marke?
Lassen Sie uns gemeinsam einordnen, wie Ihre Organisation in den drei Dimensionen aufgestellt ist. Personalisierung, Brand Building und Kundenzentrierung gehören zu den Schwerpunktthemen, mit denen sich die Digital Experts der valantic Retail Practice täglich beschäftigen.
Julia Saswito
Senior Vice President Customer Experience
valantic
Als Industry Practice Lead für Retail & Consumer Goods verantwortet Julia Saswito die Weiterentwicklung von Kundenerlebnissen entlang der gesamten Customer Journey. Ihr Fokus liegt auf der strategischen Nutzung von KI, der Transformation von Marketing- und Markenprozessen sowie der Erschließung nachhaltiger Wachstumschancen.
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