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E-Mobility-Statistiken – Warum die Ladeinfrastruktur nicht so schlecht ist wie ihr Ruf

Ein Gastbeitrag von Dr. Markus Eisel, Vorstand der SyroCon AG – a valantic company, zum Thema Ladeinfrastruktur für die Verkehrswende mit dem Ziel einer breiten Elektromobilität.

17. Februar 2022

Dr. Markus Eisel

Bild von einem E-Auto, das gerade geladen wird,E-Mobility-Statistiken – Warum die Ladeinfrastruktur nicht so schlecht ist wie ihr Ruf

Das Thema Ladeinfrastruktur (LIS) lässt uns von SyroCon AG – a valantic company keine Ruhe. Gerade ist eine neue Statistik bei Statista zum Thema erschienen. Auch das StandortTOOL der Nationalen Leitstelle für Ladeinfrastruktur bietet reichlich Informationen rund um die Entwicklung und Auslastung der LIS.

In einer ersten Untersuchung der verfügbaren E-Mobility-Statistiken haben wir im September 2021 den aktuellen Bestand an Elektrofahrzeugen und Ladestationen in Relation gesetzt und dargestellt, dass die mittlere Anzahl von Ladevorgängen pro Ladepunkt und Tag bei 0,5 liegt. Dabei flossen die folgenden Zahlen ein: Stand Juli 2021 waren 439.000 BEVs (also rein Batterie betriebene Elektrofahrzeuge) in Deutschland zugelassen, und es existierten 40.000 Ladepunkte. Ein durchschnittliches Battery Electric Vehicle (BEV) verbraucht bei durchschnittlich 12.000 km jährlicher Fahrleistung 2.350 kWh Strom. Und 80% des Ladens findet daheim oder auf der Arbeit statt, also an nicht-öffentlichen Ladepunkten.

Statistik zur E-Mobility von SyroCon AG – a valantic company

Interessant, dass eine ähnlich geringe Zahl von Ladevorgängen pro Ladestation und Tag auch durch eine von IONITY veröffentlichte Statistik bestätigt wird, in der die Ladevorgänge an ihren knapp 400 High-Power-Chargers (HPC) mit ca. 1.500 Ladepunkten in Europa analysiert werden. Hieraus ergeben sich zwei Ladevorgänge pro Ladepunkt und Tag. Dass an den Ladepunkten entlang der Autobahnen ein etwas höherer Wert existiert ist nicht weiter verwunderlich. Das Laden bei Langstreckenfahrten ist ja einer der Anwendungsfälle für öffentliche Ladeinfrastruktur.

In unseren Analysen betrachten wir ausschließlich BEVs, denn wir glauben, dass sich kaum eine nennenswerte Zahl von Fahrern von Plug-In Hybriden (PHEV) die Mühe macht, an öffentlichen Ladestationen zu laden. Und ja, die Annahme, dass sich Ladevorgänge völlig gleichmäßig über alle Ladestationen verteilen, ist sicher stark vereinfacht.

Nachdem die Status-quo Betrachtung dieses für uns überraschende Ergebnis erbrachte, haben wir mit etwa den gleichen Annahmen wie oben mit der nächsten Untersuchung eine Prognose bzgl. der Entwicklung von Last an Ladeinfrastruktur gewagt und ins Jahr 2025 geschaut. Dabei ist eine Reihe von Annahmen eingeflossen. So folgen wir für die Prognose der Ladeinfrastruktur einer Studie von Horváth & Partners. Danach wird die Anzahl der öffentlichen und halböffentlichen Ladepunkte bis zum Jahr 2025 auf etwa 258.000 ansteigen.

Bzgl. der BEVs sind ein paar weitergehende Überlegungen anzustellen. Eine Prognose des Center of Automotive Management (CAM) von Ende 2020 prognostizierte für das Jahr 2021 etwa 480.000 zugelassene Elektroautos mit einer 50:50 Verteilung auf BEVs und PHEVs. Vom heutigen Stand ist diese Prognose nicht haltbar. Schon im Juli 2021 fuhren auf Deutschlands Straßen 438.950 reine Stromer. Auf dieser Basis haben wir folgende Annahmen getroffen:

  • In 2021 werden geschätzte 258.000 BEVs neu zugelassen
  • Pro Jahr werden etwa 3,3 Mio. PKW neu zugelassen
  • Der Anteil von Neuzulassungen von Elektrofahrzeugen wächst von ca. 20% heute auf 35% in 2025 und der Anteil an BEVs beträgt 80% (abweichend von der CAM-Studie, die von 27% in 2025 und 65% BEVs ausgeht)

Mit diesen Annahmen prognostizieren wir ein kontinuierliches Wachstum der BEV-Neuzulassungen auf 924.000 in 2025 und somit ca. 3 Mio. BEVs auf Deutschlands Straßen in 2025.

Geht man von ähnlichen Annahmen wie bei der Untersuchung des Status Quo aus (12.000 km Laufleistung, 17 kWh/100km, 75% Laden zu Hause oder am Arbeitsort) und unter der – sehr vereinfachten – Annahme, dass sich diese gleichmäßig auf alle Ladepunkte verteilen, finden pro Tag 0,41 Ladevorgänge an jedem Ladepunkt statt.

Das hört sich nicht nach Überlast an!

Nun schauen wir uns die gerade bei Statista veröffentlichte Untersuchung „Andrang an der Schnellladesäule“ einmal etwas genauer an. Laut dieser wird es nämlich eng an Deutschlands Ladesäulen. Die Statistik basiert auf Daten, die der Verband der Automobilindustrie erhoben hat.

Was wird hier betrachtet? Zuerst einmal werden nur Schnellladepunkte, also solche mit einer Leistung von mehr als 22 kW betrachtet. Dies ist eigentlich eine sinnvolle Betrachtung, allerdings wäre es noch sinnvoller, zwischen AC und DC Ladestationen zu unterscheiden. Auch an einer 43 kW AC Ladestation laden die meisten EVs mit geringerer Leistung, da der eingebaute Lader meist nur für maximal 22 kW, oft sogar noch weniger Leistung ausgelegt ist.

Beachtenswert ist auch, dass in der Betrachtung alle Elektrofahrzeuge einbezogen werden, also auch die Plug-in Hybride. Unsere Meinung dazu haben wir bereits weiter oben dargestellt. Geht man davon aus, dass nur ein verschwindender Anteil an PHEV-Fahrern an öffentlichen Ladepunkten lädt, reduziert sich die Zahl der EVs pro Ladesäule von 143 EVs pro Schnellladesäule deutlich. Bei einem aktuellen Verhältnis von BEVs zu PHEV von etwa 50:50 im Jahr 2021 und schätzungsweise 55%:45% in 2022 halbiert sich diese Zahl.

Offenbar ist man auch beim VDA nicht ganz auf dem aktuellen Stand bei der Zählung der Schnellladepunkte. Nun können wir nicht für die Landkreise Plön und Calw sprechen, aber das Rhein-Main-Gebiet kennen wir recht gut.  Dort scheint nicht der aktuelle Stand betrachtet zu werden, denn laut der Statistik befinden sich im gesamten Landkreis nur vier öffentliche Schnelllader und in der kreisfreien Stadt Wiesbaden zwanzig. Wir haben etwas nachgeforscht und konnten insgesamt acht Schnellladesäulen im Main-Taunus-Kreis ausfindig machen (Kelkheim: 3; Hofheim: 2; Hochheim: 3). In der kreisfreien Stadt Wiesbaden konnten wir anstatt der von der VDA genannten zwanzig Schnelladesäulen ganze 42 auffinden. Skurril ist auch, dass manche Schnelladestationen, wie jeweils vier an den Raststätten Medenbach Ost und West, weder im  Main-Taunus-Kreis, noch bei der Stadt Wiesbaden gelistet sind. Diese weisen sogar eine Leistung von 175 kWh auf. Im Ladesäulenregister der Bundesnetzagentur (Stand 01.01.2022), welche die Grundlage für die Daten des VDA bildet, sind diese Schnellladesäulen ebenfalls nicht enthalten.

Ein anderer Punkt, der die Darstellung des VDA und Statista zum Negativen hin verzerrt, ist die Nichtberücksichtigung der Tesla Supercharger. Immerhin etwa 20% der aktuell zugelassenen BEVs sind Tesla Fahrzeuge. Und Tesla Fahrer laden – wenn unterwegs – in der Regel an Tesla Superchargern. Das heißt, dass mehr als tausend Schnellladepunkte, an denen in Deutschland über 80.000 BEVs laden, in der Statistik nicht berücksichtigt werden.

Im boomenden Sektor der E-Mobilität ist es enorm schwer, präzise und valide Daten darzustellen, da die Branche aktuell im kontinuierlichen Wandel ist. Wir finden, dass es erforderlich ist, eine deutlich dynamischere Erfassung von Daten rund um Elektromobilität zu schaffen. Nur dadurch werden zuverlässige Aussagen und Prognosen zu Elektrofahrzeugen, Infrastrukturausbau und Auslastung der Infrastruktur möglich.

Summa summarum scheint es aber so zu sein, dass die Ladeinfrastruktur nicht so schlecht ist wie ihr Ruf.

Verfasst von

Porträt von Dr. Markus Eisel, Geschäftsführer Syrocon AG

Dr. Markus Eisel

Vorstand der SyroCon AG – a valantic company