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IT und Nachhaltigkeit: ein zweischneidiges Schwert

Mit IT können Prozesse effizienter und energiesparender gestaltet werden. Im Gegenzug verbraucht IT selbst Energie. Wie sieht ein nachhaltiger Kompromiss aus?

11. August 2022

Tobias Ganowski

Baum wächst auf einer Computerplatine, IT und Nachhaltigkeit: ein zweischneidiges Schwert

Ende Juli war es so weit: Die Menschheit hat bereits die biologischen Ressourcen, die die Erde im Laufe eines Jahres regeneriert, verbraucht. Ab diesem Tag, dem Erdüberlastungstag, leben wir auf Kosten der Erde. Unter anderem aufgrund solcher Berechnungen und Fakten hat Nachhaltigkeit in den vergangenen Jahren enorm an Bedeutung gewonnen – und entwickelt sich zu einem wichtigen Erfolgsfaktor für Unternehmen. Auch Stakeholder verlangen zunehmend, dass sich Unternehmen stärker mit den Bereichen Umwelt, Soziales und Unternehmensführung – im Englischen Environmental, Social and Governance (ESG) – befassen. Momentan steht infolge des Klimawandels vor allem der Bereich Umwelt im Fokus. Der IT kommt dabei eine besondere Rolle zu, da etwa Datenzentren einerseits viel Energie verbrauchen, andererseits aber digitale Technologien ein großes Potenzial zur Förderung von mehr Nachhaltigkeit haben.

Ausweitung der ESG-Berichtspflicht ab 2024

Mit dem European Green Deal hat die Europäische Kommission 2019 ein umfangreiches Programm initiiert, um die EU bis 2050 klimaneutral zu gestalten und nachhaltiges Wirtschaften zu fördern. Neben der EU-Taxonomie ist die Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) ein wesentlicher Bestandteil des Deals. Alle von der CSRD betroffenen Unternehmen müssen demnach je nach Unternehmensstruktur ab 2024, 2025 oder 2026 einen geprüften Nachhaltigkeitsbericht zu ihren Nachhaltigkeitszielen und -richtlinien, der Rolle des Vorstands und Aufsichtsrats, den wesentlichen nachteiligen Wirkungen des Unternehmens sowie zu den Risiken zur Erfüllung der Nachhaltigkeitsziele veröffentlichen. Innerhalb der EU sind schätzungsweise rund 50.000 Unternehmen von den neuen Regelungenbetroffen, davon rund 15.000 in Deutschland. Betroffene Unternehmen müssen sich somit auf die neuen Regelungen vorbereiten und die notwendigen Strukturen für die Datensammlung und -aufbereitung schaffen.

Energieverbrauch durch Rechenzentren steigt

An dieser Stelle kommt die IT ins Spiel. Mittels digitaler Lösungen können etwa CO2-Emissionen gemessen oder auch Prozesse effizienter und damit energiesparender gestaltet werden. Im Gegenzug hat die IT einen nicht unwesentlichen Energiebedarf und Stromverbrauch. So wird der Energieverbrauch aller Server- und Rechenzentren in Deutschland im Jahr 2020 laut Borderstep Institut auf circa 16 Milliarden Kilowattstunden geschätzt. Rund 4,8 Millionen 3-Personen-Haushalte könnten damit versorgt werden. 2010 lag der Verbrauch noch bei rund 10 Milliarden Kilowattstunden. Für die nächsten Jahre wird mit einem weiteren Anstieg gerechnet. Zwar werden Server und Kühlsysteme (energie-)effizienter, der Bedarf an Speicher und Rechenleistung durch Rechenzentren und die Cloud steigt aber noch schneller. Selbst im Corona-Jahr 2020, als die Konjunktur schrumpfte, stieg der Energiebedarf für die IT-Infrastruktur um rund 7 Prozent.

Grafik von Borderstep (2020): Energiebedarf der Rechenzentren
Quelle: Borderstep, 2020

Bezogen auf ganz Europa geht die EU-Kommission in einer Studie davon aus, dass der Stromverbrauch durch Rechenzentren von rund 77 Terawattstunden im Jahr 2018 bis 2030 auf 99 Terawattstunden steigen wird – ein Plus von 28 Prozent.

Ein weiterer interessanter Vergleich: Betrachtet man das gesamte Internet als Land, so wäre es das Land mit dem dritthöchsten Energiebedarf. Nur China und die USA hätten einen höheren Stromverbrauch.

Nachhaltigkeitsstrategien in der IT werden erst noch entwickelt

Doch sind sich Unternehmen über die negativen Auswirkungen der Digitalisierung und ihrer IT auf die Umwelt bewusst? Und wie reagieren sie darauf? Ergebnisse hierzu liefert die Lünendonk®-Studie 2022 „Der Markt für IT-Dienstleistungen in Deutschland“: Nur 6 Prozent der mittelständischen Unternehmen und Konzerne haben für ihre IT bereits eine Nachhaltigkeitsstrategie entwickelt und ausgerollt. Knapp ein Viertel (24 %) hat diese zwar bereits entwickelt, jedoch noch nicht implementiert. 48 Prozent der Unternehmen haben mit der Entwicklung einer Nachhaltigkeitsstrategie für die IT noch nicht begonnen, planen dies aber noch. 22 Prozent der Studienteilnehmer werden auch in den kommenden Jahren keine IT-Nachhaltigkeitsstrategie planen und umsetzen. Überraschenderweise handelt es sich hierbei nicht um kleinere Unternehmen, die nicht zwingend von der CSRD betroffen sind, sondern um Unternehmen aller Größenklassen. Diesen Unternehmen verbleibt somit weniger Vorlaufzeit zur Umsetzung der neuen Gesetzgebung.

IT und Nachhaltigkeit: ein zweischneidiges Schwert
Frage: Hat Ihre IT eine Nachhaltigkeitsstrategie? n = 138 Frage: Achten Sie bei der Provider-Auswahl auf die Einhaltung von Nachhaltigkeitszielen? n = 138 Quelle: Lünendonk®-Studie 2022 „Der Markt für IT-Dienstleistungen in Deutschland“

Nachhaltigkeit hat Einfluss auf die IT-Provider-Auswahl

Da die Softwareentwicklung und der IT-Betrieb in der Regel nicht nur rein intern abgebildet werden, sondern auch durch externe Dienstleister oder Cloud-Provider, müssen Unternehmen auch ihre IT-Lieferkette betrachten. Beim Bezug von externen IT-Services und der Provider-Auswahl spielt für 12 Prozent der Unternehmen Nachhaltigkeit bereits im Jahr 2022 eine große Rolle. Anbieter, die einen positiven Einfluss auf die Einhaltung von Nachhaltigkeitszielen haben, werden somit eher beauftragt – sei es hinsichtlich ökologischer Aspekte, ethischer Grundsätze oder Diversity.

Für 32 Prozent der Befragten hat Nachhaltigkeit einen geringen Einfluss auf die Provider-Auswahl; 29 Prozent werden Nachhaltigkeitsaspekte erst in Zukunft berücksichtigen. Knapp jedes vierte Unternehmen (27 %) plant für die nahe Zukunft nicht, Nachhaltigkeitsaspekte zu berücksichtigen.

Maßnahmen für mehr ökologische Nachhaltigkeit in der IT

IT-Verantwortliche greifen dabei auf einen Strauß an Maßnahmen zurück, um die IT ökologischer aufzustellen. Der Bezug von Ökostrom aus erneuerbaren Energiequellen für Rechenzentren und die IT-Infrastruktur stellt eine verhältnismäßig einfache und schnell umsetzbare Maßnahme dar. Beim Neubau oder der Modernisierung von Rechenzentren denken Unternehmen auch über eine möglichst energieeffiziente Bauweise und einen klimaschonenden Betrieb nach. Die Nutzung der Abwärme der Rechenzentren für anderweitige Zwecke stellt zwar noch die Ausnahme dar, Beispiele gibt es aber bereits: So wird im Hotel Innside im Frankfurter Eurotheum-Hochaus durch ein Rechenzentrum, das sich im Haus befindet, 60 Grad heißes Wasser in den Heizungskreislauf des Gebäudes eingespeist.

Die Verlagerung von IT-Infrastrukturen in die Cloud nutzen Unternehmen ebenfalls, um sich ökologischer aufzustellen. Dabei wird der Energieverbrauch aber nur auf die Cloud-Provider verschoben. Da die Bereitstellung von IT-Instanzen über die Cloud aber das Kerngeschäft der Provider ist und ein energieeffizienter und damit auch kostenreduzierender Betrieb auch in ihrem Interesse liegt, investieren die Provider stark in nachhaltige Rechenzentren. Amazon verkündete im Jahr 2021 etwa, dass global neun weitere große Wind- und Solarenergieprojekte geplant seien und das Unternehmen dadurch zum größten betrieblichen Abnehmer erneuerbarer Energien werde. Die daraus gewonnene Energie soll unter anderem für die AWS-Rechenzentren genutzt werden. Bereits im Jahr 2020 wurden 26 Projekte angekündigt. Weitere Maßnahmen sind die Wiederaufbereitung und Wiederverwendung von IT-Produkten und ­Geräten (Refurbished IT). Auch kulturelle Maßnahmen werden ergriffen: So setzen Unternehmen Events und Vorträge auf, um die Relevanz der Nachhaltigkeit im Allgemeinen wie auch im Speziellen in der IT aufzuzeigen und Awareness zu schaffen – idealerweise gepaart mit einem Top-Management-Commitment.

Verfasst von

Porträt von Tobias Ganowski, IT-Analyst und Junior Consultant beim Marktforschungs- und Analystenhaus Lünendonk & Hossenfelder

Tobias Ganowski

IT-Analyst und Junior Consultant bei Lünendonk & Hossenfelder

Tobias Ganowski ist IT-Analyst und Junior Consultant beim Marktforschungs- und Analystenhaus Lünendonk & Hossenfelder. Er untersucht die Märkte für IT-Beratung, IT-Services, IT-Sourcing-Beratung, Customer Experience Services und Engineering Services. Thematisch beschäftigt er sich unter anderem mit den Themen Customer Experience Management, Cloud Sourcing, Künstliche Intelligenz, IIoT, Softwareentwicklung, Agilität und digitale Transformation.