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Ab 2025 Pflicht: ESG-Kennzahlen richtig erheben

Ab 2025 obligatorisch: Die Nachhaltigkeitsberichterstattung erfordert Kennzahlen. Doch welche sind das und wie erheben Unternehmen sie am besten?.

21. November 2023

7 Min. Lesezeit

Dreiklang Nachhaltigkeit LkSG Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz, featured

Nachhaltigkeitsberichte waren bisher nur für wenige Großunternehmen verpflichtend. Doch ab dem Geschäftsjahr 2025 wird es für die meisten Unternehmen mit mehr als 250 Mitarbeitern ernst: Sie müssen ihre Geschäftsberichte um Angaben zu Umwelt-, Sozial- und Governance-Faktoren (ESG) ergänzen.

Ziel der ESG-Kriterien ist – was den ersten Buchstaben (E)nvironmental betrifft – die Dekarbonisierung unserer Wirtschaft und die Umstellung auf nachhaltige Kreislaufsysteme. Bei den (S)ocial-Faktoren geht es unter anderem um die Einhaltung von Menschenrechten inklusive des Verbots von Kinderarbeit auch in der Lieferkette. (G)overnance meint die verantwortungsvolle Unternehmensführung zur Umsetzung von Umwelt- und Sozialfaktoren.

Bei den Berichterstattungspflichten geht es nicht um wolkige Aussagen, sondern um harte Fakten. Deshalb muss ein Nachhaltigkeitsbericht auf Key Performance Indicators (KPIs) für die unterschiedlichen ESG-Kriterien basieren. Sie erleichtern es Unternehmen, ESG-Ziele zu definieren, Maßnahmen zur Verbesserung zu ergreifen, den Fortschritt zu messen und ihre Berichte schneller zusammenzustellen.

Berichtsstandards und Nachhaltigkeitsziele

Kennzahlen für Nachhaltigkeit sind allerdings bisher in den meisten Unternehmen eher unüblich. Häufiger genutzt werden Zahlen zum Energieverbrauch, um Sparmaßnahmen umzusetzen. Doch das ist nicht ausreichend. Standards und Gesetze zu den ESG-Kriterien fordern für die Berichterstattung eine Vielzahl an unterschiedlichen Angaben. Dementsprechend stehen dort auch zahlreiche Nachhaltigkeits-KPIs, unter anderem in den folgenden Dokumenten:

  1. Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD)
  2. European Sustainability Reporting Standards (ESRS)
  3. EU-Taxonomie
  4. UN-Nachhaltigkeitsziele
  5. Deutscher Nachhaltigkeitskodex (DNK)
  6. Global Reporting Initiative (GRI)
  7. Carbon Disclosure Project (CDP)
  8. Sustainability Accounting Standards Board (SASB)
  9. Task Force on Climate-related Financial Disclosures (TCFD)
  10. International Integrated Reporting Council (IIRC)

Besonders wichtig sind die beiden ersten Einträge: CSRD und ESRS. Dahinter verbergen sich die EU-Verordnung über die Nachhaltigkeitsberichterstattung und die dazu passenden Berichtsstandards. Beide Webseiten bieten neben Kennziffern auch hilfreiche Erläuterungen zur Erfüllung der Berichtspflicht. Es ist vor allem sinnvoll, sich eng an die ESRS zu halten.

Der dritte Eintrag in der Liste betrifft die EU-Taxonomie. Das ist ein Klassifizierungssystem, das ökologisch nachhaltige Wirtschaftsaktivitäten definiert. Es richtet sich in erster Linie an Investoren, die damit wasserdichte Kriterien für die Umweltfreundlichkeit eines Unternehmens oder eines Geschäftsmodells erhalten. Die Klassifizierung kann als Richtlinie dienen, umweltbezogene Kennzahlen zu definieren.

Auch die 17 UN-Nachhaltigkeitsziele und deren Unterziele bieten eine Grundlage für praktikable Indikatoren. Sie sind beim Thema Umwelt nahezu deckungsgleich mit den EU-Umweltzielen, liefern aber darüber hinaus alle grundlegenden KPIs für Sozial- und Governance-Faktoren.

Die richtigen ESG-Kennziffern auswählen

Bereits ein kurzer Blick in die oben verlinkten Standards zeigt, dass es eine große Zahl an Kennziffern gibt. Eine kleine Auswahl der drei ESG-Bereiche für den schnellen Überblick:

Umwelt- und Klima-KPIs

  • Treibhausgas-Emissionen direkt/indirekt
  • Energieverbrauch in Produktion und Gebäuden
  • Wasserverbrauch
  • Schadstofffrachten im Abwasser
  • Abfall nach Art und Entsorgungsmethode
  • Flächenverbrauch bebauter Fläche

Sozial-KPIs

  • Anteile der Mitarbeitenden nach Nationalität, Geschlecht, Alter (insgesamt und als Führungskräfte)
  • Arbeitsstunden pro Woche
  • Höhe geleisteter Überstunden
  • Anteil von Zeit- und Teilzeitarbeit
  • Anzahl von Mitarbeiterschulungen zu Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz
  • Anzahl von Verletzungen am Arbeitsplatz

Governance-KPIs

  • Anzahl veröffentlichter Finanz- und Nachhaltigkeitsberichte
  • Anzahl durchgeführter Audits
  • Anzahl der Compliance-Verstöße (auch Datenschutz)
  • Anzahl der Datenschutzbeschwerden
  • Angaben zum politischen Engagement und Lobbyarbeit
  • Höhe und Empfänger von Parteispenden

Welche Kennziffern für einen Nachhaltigkeitsbericht relevant sind, hängt von der Branche und dem Geschäftsfeld eines Unternehmens ab. So sind Umwelt-Indikatoren für die Chemieindustrie von größter Wichtigkeit, während in der Finanz- und Versicherungswirtschaft dieser Aspekt eher geringen Raum einnimmt. Unternehmen müssen also die für ihr Geschäftsmodell passenden Indikatoren selbst selektieren.

Richtig bilanzieren: CO2-Emissionen und die Scopes

Eine Kennzahl ist jedoch entscheidend: Die Höhe der CO2-Emissionen, die ein Unternehmen direkt oder indirekt generiert. Und damit ist auch das grundlegende Problem angesprochen: Eine Firma erzeugt nicht nur selbst CO2, sondern trägt auch den recht großen CO2-Rucksack seiner Zulieferer mit sich herum. Die Herstellung von Rohmaterialien, Vorprodukten und Verbrauchsmaterialien erzeugt Kohlendioxid, das im Rahmen der ESG-Berichterstattung bilanziert werden muss.

Direkte Messungen sind nur teilweise und beim selbst erzeugten CO2 möglich. In anderen Fällen müssen die Unternehmen indirekt vorgehen. Deshalb werden alle CO2-Emissionen in drei unterschiedliche Bereiche oder auf neudeutsch „Scopes“ eingeteilt. Grundlegend ist dafür das Greenhouse Gas Procotol.

  • Scope 1 sind alle selbst erzeugten Emissionen, beispielsweise durch eigene Maschinen oder eine Fahrzeugflotte. Diese Emissionen sind entweder direkt messbar oder können anhand der Menge der verbrauchten Energie errechnet werden.
  • Scope 2 sind alle Emissionen, die von Versorgern erzeugt werden. Das sind zum einen die Stromlieferanten, aber auch Lieferanten für Heizwärme, sei es nun Gas, Öl oder Fernwärme. Auch hier können die Emissionen aus dem Energieverbrauch errechnet werden oder der Versorger teilt die Menge der angefallenen Emissionen gesondert mit.
  • Scope 3 berücksichtigt die indirekten Emissionen aus der Lieferkette, also alle nicht selbst von einem Unternehmen zu verantwortenden Emissionen. Hier wird es schwierig mit der Bilanzierung, da sich beispielsweise die Emission einer eingekauften Werkzeugmaschine aus zahlreichen Bestandteilen zusammensetzt.

CO2-Äquivalente – die Währung der ESG-Bilanz

Die Angabe von CO2-Kennzahlen ist weniger einfach, als es auf den ersten Blick scheint. Denn die Bilanzierung in Kilogramm oder Tonnen Kohlendioxid pro Jahr wird zwar gesetzlich vorausgesetzt, doch zahlreiche industrielle Prozesse erzeugen auch andere Treibhausgase. Das ist in erster Linie Methan, aber auch einige weitere Gase in kleineren Mengen.

Aus diesem Grund gibt es die Rechenhilfe „CO2-Äquivalent“. Damit werden andere Gase entsprechend ihrer Treibhauswirkung in CO2 umgerechnet. Doch der Reihe nach: Die Emissionswirkung von CO2 entspricht genau eins, Methan 28. Eine Tonne Methan wirkt also wie 28 Tonnen Kohlendioxid. Es gibt sogar noch stärkere Gase, etwa Distickstoffoxid (Lachgas, N2O) mit dem CO2-Äquivalent von 265.

So weit, so relativ einfach – etwa für das Verbrennen von Erdgas. Doch die Berechnung der CO2-Werte von Produkten oder Prozessen ist aufwendig, da Rohstoffe und Fertigung zu berücksichtigen sind. Im Idealfall gibt es die entsprechenden Informationen über die Lieferanten. Zum Beispiel berechnen die Hersteller von Notebooks genau, wie viel Tonnen CO2 entstehen. Bei vielen anderen Produkten machen die Hersteller keine Angaben, sodass die Menge der CO2-Äquivalente aus anderen Quellen bezogen werden müssen.

Standardisierte Umrechnungsfaktoren

Ein praktisches Hilfsmittel dafür sind standardisierte Umrechnungsfaktoren, die sogenannten CO2-Faktoren. Das sind Maßzahlen, die den Ausstoß von Treibhausgasen bei Herstellung, Nutzung und Entsorgung des Produktes angeben. Das geschieht typischerweise in Kilogramm oder Tonnen CO2-Äquivalent pro Einheit des Produkts, etwa Kilogramm, Liter oder Stück.

Unternehmen können diese CO2-Faktoren einer Vielzahl an kommerziellen Datenbanken entnehmen. Sie enthalten Daten für zahlreiche Rohstoffe und typische Verbrauchsmaterialien. Sie basieren auf Erfahrungswerten, werden penibel gepflegt und regelmäßig anhand neuester Erkenntnisse aktualisiert. Die Nutzung eines CO2-Faktors ist einfach: Er wird mit der Einheit der in einem Jahr genutzten Ressourcen multipliziert, das bilanzierbare CO2-Äquivalent ist das Ergebnis.

Einzelne CO2-Faktoren für komplexe Vorprodukte lassen sich auch anhand der Bepreisung ermitteln, in den USA das übliche Vorgehen. So gibt die US-Umweltbehörde EPA für Werkzeugmaschinen in der Metallbearbeitung pro Dollar den Faktor 0,261 an. Eine 20.000-Dollar-Maschine entspricht demnach rund 5,2 Tonnen CO2. Solche Datensammlungen eignen sich gut für Produkte, die in den USA hergestellt und dort eingekauft werden.

ESG-Kennziffern erfordern Digitalisierung

Das Nachhaltigkeitsmanagement benötigt für die Steuerung die richtigen Kennziffern, doch dafür müssen Unternehmen zunächst einmal die grundlegenden Daten erheben. Bei den CO2-Emissionen gibt es standardisierte Schätzwerte, aber bei vielen anderen ESG-Themen werden Unternehmen nicht an eigenen Datenerhebung vorbeikommen.

Das erfordert Digitalisierung, denn viele für Nachhaltigkeit relevanten Daten werden heute noch gar nicht automatisch ermittelt. Vor allem ältere Maschinen und Anlagen in der Industrie sind oft datenarm und müssen deshalb beispielweise mit IoT-Lösungen auf den neuesten Stand gebracht werden. Letztlich setzt eine Nachhaltigkeitsstrategie also eine sinnvolle Digitalisierungsstrategie voraus.