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Homeoffice: Kommt die Rolle rückwärts, alle zurück ins Büro?

Bis vor kurzem herrschte Wahlfreiheit. Jetzt beordern viele Unternehmen ihre Mitarbeitenden zurück ins Büro. Ist das sinnvoll und wo arbeiten wir wirklich produktiver?

7. Februar 2024

4 Min. Lesezeit

Kleines Unternehmen, Arbeit im Büro.

Die 25.000 Beschäftigten der SAP SE sind sauer: CEO Christian Klein hat die Homeoffice-Regelung eingeschränkt. Bis vor kurzem herrschte Wahlfreiheit, jeder und jede konnte nach Absprache mit den Vorgesetzten am Wunschort arbeiten. Jetzt soll wieder eine Präsenzpflicht von drei Tagen pro Woche gelten, was zu Protesten führte. Die Order von Klein wirkt aus der Zeit gefallen, denn Homeoffice sei Standard, heißt es nicht nur bei SAP.

Offensichtlich gibt es aber in den Chefetagen Homeoffice-Gegner. Das Thema wird nicht erst seit der SAP-Aktion diskutiert. Die Befürworter sehen den Fortschritt auf ihrer Seite: Mehr Ruhe und Konzentration bei der Arbeit, weniger Pendelei und deshalb mehr Nachhaltigkeit, eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Die Gegner halten alles für eine Modeerscheinung, die in drei Jahren wieder verschwunden sein wird – so äußerten sich bereits im letzten Oktober die Manager in einer weltweiten Umfrage der KPMG.

Etwa zur selben Zeit haute das schwäbische Unternehmer-Urgestein Wolfgang Grupp den Satz heraus:  „Wenn einer zu Hause arbeiten kann, ist er unwichtig“. Er ist mit dieser Ansicht nicht allein. Elon Musk hält Homeoffice für eine schlechte Idee und bezeichnet es als „moralisch falsch“. Amazon-CEO Andy Jassy überwacht, ob die Mitarbeiter mindestens drei Tage in der Woche im Büro anwesend sind. Google-Chef Sundar Pichai bedroht jeden mit einem schlechten Arbeitszeugnis, der mehr als zwei Wochentage Homeoffice nimmt.

Homeoffice: Zankapfel Produktivität

Streitpunkt ist die Produktivität der Heimarbeiter. So fand Christian Klein, dass sich in der SAP in den letzten Jahren der Schlendrian breitgemacht habe, er vermisse das Leistungsdenken. Zu einem ähnlichen Ergebnis kam auch Tim Höttges, der Telekom-CEO: Oft bleibe zuhause die Kreativität auf der Strecke. Höttges bevorzugt übrigens eine Regelung, bei der Führungskräfte ein Beispiel geben und vier bis fünf Tage die Woche ins Büro kommen.

Einen ganz anderen Blick auf Homeoffice haben die Betroffenen: Bei einer Umfrage gaben 87 Prozent an, dass sie von zuhause aus entweder genauso effizient oder sogar effizienter arbeiten würden als im Büro. Allerdings zeigte dieselbe Studie auch eine Wahrnehmungslücke: 80 Prozent der befragten Führungskräfte glauben, dass die Mitarbeiter im Homeoffice nicht besonders produktiv sind.

Zu gemischten Ergebnissen in dieser Frage kamen Forscher des ifo-Instituts in einer Literaturstudie und einer empirischen Untersuchung. Zwar gebe es tatsächlich negative Effekte auf die Produktivität, doch die ließen sich durch „Hybrid Work“ mit einigen Bürotagen ausgleichen. Vereinfacht ausgedrückt: Vor allem schwache und unerfahrene Mitarbeiter sind im Homeoffice weniger leistungsfähig und fühlen sich isoliert.

Wer sich dagegen im Homeoffice wohl fühlt, ist dort produktiver. Überzeugte Heimarbeiter tendieren laut internationaler Erhebungen sogar dazu, seltener zu kündigen. Auch die Arbeitskräftegewinnung ist leichter: Laut einer Studie der Bayerischen Akademie der Wissenschaften achten 41 Prozent der Bewerber bei der Jobsuche auf eine Homeoffice-Regelung.

Fachkräftemangel verstärkt den Druck

Aus den beiden ifo-Studien lässt sich ableiten, dass hybrides Arbeiten mit starker Wahlfreiheit entscheidend ist. Dazu gehört laut ifo aber eine veränderte Arbeitskultur, beispielsweise zusätzliche Meetingflächen in den Büros, eine attraktivere Arbeitsumgebung, verbindliche Regeln sowie feste Teamtage für Begegnungen. Auf diese Weise kann eine Homeoffice-Regelung ein sinnvolles Mittel gegen den Fachkräftemangel werden. Der wird in den nächsten Jahren ohnehin die ganze Wirtschaft erwischen, denn der Demographie entkommt niemand.

Tatsächlich wirkt die Diskussion über Homeoffice angesichts der empirischen Erkenntnisse des ifo Institut ein wenig weltfremd. Denn im August 2023 arbeiteten etwa ein Viertel aller deutschen Beschäftigten wenigstens teilweise von zuhause. Dieser Wert ist seit dem Ende der Corona-Maßnahmen nahezu konstant. Eine Auswertung von Online-Stellenanzeigen zeigt: Rekordverdächtige 20 Prozent erwähnen die Option auf Homeoffice.

Die unterschiedlichen Studien legen die Interpretation nahe, dass eine verbindliche, aber großzügige Homeoffice-Regelung Talente anzieht und insgesamt die Leistungsfähigkeit des Unternehmens verbessert. Eine Verweigerungshaltung in der Geschäftsführung könnte stark negative Wirkungen haben. Die ifo-Forscher konstatieren: „Unternehmen müssen jetzt schon schmerzhafte Lohnprämien anbieten, um Homeoffice zu verwehren. Der Fachkräftemangel verstärkt den Druck. Dazu kommen Kosten durch höhere Kündigungsraten.“ Das aber will jedes Unternehmen möglichst vermeiden. In Zukunft wird es noch stärker als bisher auf den richtigen Mix ankommen.