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4-Tage-Woche als nächster Schritt von New Work? 

Die 4-Tage-Woche wird zurzeit in Pilotprojekten erprobt. Aber ist die Einführung in Zeiten des Fachkräftemangels überhaupt realistisch? Ein Pro und Contra.

3. November 2022

Hände tippen auf Tastatur eines Laptops

Den Traum einer 4-Tage-Woche haben wohl viele Arbeitnehmende. Drei Tage frei, immer ein verlängertes Wochenende und damit mehr Zeit für sich, die eigenen Hobbys oder die Familie zu haben, klingen auch zu verlockend, um diesem Traum nicht zu folgen. Hinzu kommt, dass im Zuge der durch die Corona-Pandemie weiter an Fahrt zugenommenen New-Work-Bewegung neue Arbeitsmodelle an Attraktivität gewonnen haben.
 
Die Zeit für grundlegende Veränderungen in der Arbeitswelt scheint also reif zu sein. Und tatsächlich ist der Traum der verkürzten Arbeitswoche für manche Arbeitskräfte bereits heute Realität.  

Weniger Arbeitszeit bei gleichbleibender und sogar erhöhter Produktivität

Längst gibt es Pilotprojekte in einigen Ländern, die die 4-Tage-Woche und deren Auswirkungen erproben. So hat der Software- und Tech-Gigant Microsoft bereits im Jahr 2019 für seine Mitarbeitenden in Japan die verkürzte Arbeitswoche eingeführt. Das Ergebnis: Die Produktivität stieg trotz der verringerten Arbeitszeit um 40 Prozent. Gleichzeitig sanken die Kosten für den Betrieb der Büros um 23 Prozent. Ein ähnlicher Erfolg war eine Projektphase in Island. Hier arbeitete ein Prozent der erwerbstätigen Bevölkerung der Inselnation vorübergehend nur an vier Tagen einer Woche. Leistung und Produktivität blieben weitestgehend konstant, die Zahl der Überstunden stieg gegenüber der 5-Tage-Woche kaum.  
 
Der befürchtete Aufwand, den die Umstellung mit sich bringt, war deutlich geringer, die Zahl der Krankschreibungen reduzierte sich dafür signifikant und viele nutzten ihre freie Zeit für sinnvolle Tätigkeiten, etwa mehr Sport. 

Positive Reaktionen auf die 4-Tage-Woche

Pilotprojekte laufen in vielen anderen Ländern weiter. Derzeit gibt es Versuche in Richtung einer 4-Tage-Woche wie in Belgien oder Spanien. Großbritannien führt seit Juli 2022 ein Projekt mit über 3.300 Arbeitnehmenden und 70 teilnehmenden Unternehmen durch.
 
Wissenschaftlich begleitet wird dieser Projektlauf von Forschenden der Universitäten Oxford und Cambridge sowie des Boston College. Die ersten Reaktionen der Beteiligten sind dabei durchweg positiv, wenngleich viele Unternehmen ihre Arbeitsabläufe und Prozesse umstellen mussten. Aufgrund der kürzeren Arbeitszeiten wurden etwa Meetings auf maximal fünf Minuten begrenzt, um dieselbe Arbeitsleistung in der verkürzten Zeit erbringen zu können. Bei aller Euphorie bleiben aber auch einige Fragen zur Umsetzung und Praktikabilität der 4-Tage-Woche, gerade in Deutschland. 

Deutsche Wirtschaft stellt sich gegen den Trend

Die 4-Tage-Woche ist nicht überall gleich oder wird in den Pilotprojekten gleich durchgeführt, was die Ergebnisse schnell in die „nicht-repräsentative“ Ecke stellt. Um das Modell der 4-Tage-Woche haben sich verschiedene Modelle herausgebildet: vier Tage mit 40 Stunden, vier Tage mit 32 Stunden und gleichem Lohn oder vier Tage mit 32 Stunden und verringertem Lohn. All diese Modelle bringen ihre eigenen Vor- und Nachteile mit sich.

Eine Vier-Tage-Woche mit 40 Stunden setzt einen Arbeitstag mit zehn Stunden voraus. Die Aufmerksamkeitsspanne und das Pausenverhalten müsste sich bei Millionen Arbeitnehmer*innen drastisch ändern – gegebenenfalls mit Schwanken oder Abbruch der Konzentration und Aufmerksamkeit. 

Bei einem Acht-Stunden-Tag im 4-Tage-Konstrukt sind ebenfalls Herausforderungen abzusehen: Gewinne sinken durch die anhaltende Inflation mit folgender Rezession der Wirtschaft über alle Branchen hinweg. Für Unternehmen, die bereits wirtschaftlich keine guten Aussichten haben, würde die 4-Tage-Woche somit nicht infrage kommen. 
 
In Deutschland stehen vor allem Arbeitgeber als auch Arbeitsrechtler dem Traum der verkürzten Arbeitswoche skeptisch gegenüber, insbesondere angesichts der aktuellen Krisen, des akuten Fachkräftemangels und der starren deutschen Arbeitszeitgesetze. 
 
Unlängst hat der Präsident des Bundes der deutschen Industrie, sekundiert von einem ehemaligen SPD-Vorsitzenden, sogar die Einführung der 42-Stunden Woche gefordert und sich damit gegen den Trend gestellt. Die Attraktivität dieses Vorschlags ist allerdings gering: Fast drei Viertel der Deutschen lehnen laut einer Umfrage die Einführung einer längeren Wochenarbeitszeit strikt ab, wie die WirtschaftWoche offenlegt.

Was mit der 4-Tage-Woche und ähnlichen Konzepten weiter passiert, wird noch diskutiert. Repräsentative und auch für die deutsche Wirtschaft belastbare Ergebnisse liegen noch nicht vor. Die Direktorin des Instituts für Beschäftigung und Employability Jutta Rump hält eine Machbarkeit in Deutschland noch für offen: „An Belgien zeigt sich, wie unterschiedlich die Debatte geführt und wie sehr um die Deutungshoheit gerungen wird, was eine Viertagewoche ausmacht“, erklärt Rump. Eine One-fits-All Lösung sieht die Wirtschaftswissenschaftlerin t3n bis dato noch nicht.